Die unerträgliche Banalität des Seins

IMG_5247 In meinem Kopf spielt ständig Musik. Ich sehe Farben und Schatten, Lichtspiele und gemalte Klänge, Konturen und Gesichter. Es ist ein verschwommenes Durcheinander, und doch passt alles so eindeutig und klärend zusammen.
Die Welt in meinem Kopf ist manchmal realer als alles um mich herum. Sie schreit und flüstert und trägt alles zusammen was mich bewegt, schlägt sich nicht selten in einer Explosion in meinem Kopf nieder und fährt durch mich wie ein Blitz, wenn mein Verstand droht zu einseitig und träge zu werden. Sie ist meine Rettung wenn ich mich verloren fühle und gibt mir – sogar in ihrer ganzen Grausamkeit, die sie manchmal haben kann- ein Gefühl von Heimat. Sie ist eingefahren und subversiv zugleich und kann alles sein was ich um mich herum vermisse. Und immer dann wenn ich nur existiere erinnert sie mich daran zu leben.
Ich bin nicht gut in Alltäglichkeiten. Ich schweife ab, bin verträumt, unorganisiert und mache alles in meinem eigenen Tempo. Ich generalisiere oft und sehe dann zu viel Grausamkeit im Alltäglichen. Vielleicht sind es nur kleine Sachen, die mich nicht stören sollten, aber ich kann es nicht lassen das große Ganze verstehen zu wollen. Die Vorgänge und fremden Menschen um mich herum, diese Mädchen, die alle gleich aussehen, gleich reden und sich gleich bewegen. Wie Roboter, die Lebendigkeit simulieren. Und ich frage mich wer diese Menschen sind, warum sie so sind und ob sie jeden morgen wie Puppen aufgezogen werden, denn ich könnte das nicht, so zu sein und zu funktionieren wie sie es tun. Oder tue ich das schon?
Wann immer ich den Eindruck habe, die Menschen ähnelten sich von Tag zu Tag mehr, fühlt es sich für mich an als wäre in dieser Welt etwas furchtbar schiefeglaufen. So als gäbe es einen inzwischen unausrottbaren Mechanismus den die moderne Gesellschaft zum Selbstzweck hervorbringt, der einem möglichst früh beibringt, alles was einem eigen ist, in eine Box zu werfen und wegzuschließen. Denn wenn man nur lange genug das tut was alle machen, glaubt man irgendwann man wolle es selbst. Und dann läuft unser Zusammenleben wie ein Uhrwerk, präzise und leistungsorientiert aber dabei stumpfsinnig und leer, kalt und ohne Leben.
An manchen Tagen macht allein der Gedanke an diese Beobachtung mich traurig. Viele um mich herum wirken so tot, so passiv, als würde ihnen das Leben einfach so passieren, dabei sollten doch SIE in ihrer ganzen Wildheit dem Leben, der Welt passieren und alles was ist auf ewig zu etwas Neuem aufmischen. Es gibt so viel Lebendigkeit, Feuer, laute Gedanken und neue Wege die eingetrampelt werden müssen. Was jetzt ist, kann doch nicht alles sein und die Vorstellung an das ganze verschwendete menschliche Potential in Normalität und Verrnünftigkeiten macht mich rasend. Meine Traurigkeit schlägt im besten Fall in Wut um dann möchte ich jeder Person die mir am Herzen liegt – und dazu gehöre immer öfter auch ich – am liebsten ins Ohr brüllen: „Mach endlich alles was du aus tiefstem Herzen heraus willst und nicht nur was vernünftig ist!“. Für einen Augenblick bin ich dann so aufgebracht und glücklich zugleich, dass es sich anfühlt als könnte ich alles tun, verändern, umwerfen und neu aufbauen, so als gäbe es keine Grenzen, für gar nichts.
Und dann piept mein Handy. Und erinnert mich daran, dass ich noch zum Rathaus muss. Und zum Zahnarzt. Und zur Post. Und zur Bank.
Und ich schlage auf den hässlichen Alltags-Beton auf. Ich stehe an der Ampel und neben mir beschwert sich eine Frau über die Anbringung von Stickern an Stromkästen. Ihr Begleiter stimmt hitzig ein, er hätte sich jetzt schon mehrmals deswegen schriftlich bei der Stadt beschwert, inklusive zahlreicher Beweisfotos. Da müsse man doch mal gegen vorgehen. Die Frau schüttelt mit dem Kopf. „Das ist das Problem mit den jungen Leuten, die denken sie können hier machen was sie wollen und die da oben interessiert das doch gar nicht.“
In meinem Ohr höre ich einen hohen Pfeiffton. Floskeln, Phrasen, Projektionen, Worthülsen, Plastiktüten, Dummheit, Hass. Mein Kopf brummt und ich will woanders sein. Da ist sie wieder, die unerträgliche Banalität des Seins. Meilen entfernt von der Welt in meinem Kopf.
Ich suche und suche, da muss doch noch was sein, was größeres, aber wo und vor allem wann? Mir fällt ein Zitat von Virginia Woolf ein:

“I have a deeply hidden and inarticulate desire for something beyond the daily life.”

Okay, “something”, wo bist du, ich will dich näher kennenlernen, aber. ABER! Warte mal eben. Nur noch sieben Termine, 20 Mails, sechs sms und 283 andere Verpflichtungen und dann, dann wenn ich fertig und bereit bin, dann irgendwann, später mal, dann fange ich an. So richtig zu leben, dann bricht der Staudamm in meinem Kopf und die ganze bunte Welt darin fließt heraus und verschmilzt mit der Realität. Aber gerade geht das nicht, ich muss noch so viel machen und erledigen und sowieso ein Fundament aus Vernünftigkeiten bauen, auf dass ich fallen kann wenn ich erstmal unvernünftig geworden bin.
Und dann merke ich wie bescheuert und paradox das klingt und dass ich das Wort „später“ vielleicht gar nicht aus Vernunftsgründen benutze, sondern aus Angst. Dem Hauptmotivator für alle Dinge die man eigentlich nicht machen will. Wie viel mache ich eigentlich – oder viel wichtiger – mache ich nicht, nur aus Angst vor den Konsequenzen, die auf mich zukämen wenn ich es (nicht) täte?
Plötzlichen klopfen genau die Fragen wieder bei mir an, die ich vor Jahren mal eingebuddelt hatte. Sie haben sich mit ihrer ganzen Kraft aus meinem so schön mit Vernünftigkeiten zugeschütteten Hippie-Gedanken-Grab gewühlt und starren mich nun erwartungsvoll an:
Normal oder glücklich?
Sicher oder lebendig?
Später oder jetzt?
Die Antworten liegen genau wie damals glasklar und mit stechender Ungemütlichkeit vor mir. Wenn ich ehrlich zu mir bin weiß ich nicht erst seit heute dass „später“ ein Gedankenkonstrukt ist. Eine Art Beruhigungstablette, die einen sediert während man das Leben an sich vorbeiziehen lässt. Aber das Leben, das ich führen möchte läuft so nicht, es ist kein Film aus Erinnerungen und Wünschen sondern eine Aneinanderreihung von Jetzt-Momenten.
Notiz an mich selbst:

Seriously, carpe the crap out of that fucking diem!

Mach etwas dafür, dass die Welt in deinem Kopf um dich herum entsteht. Schreie, tanze, singe, sprüh alles in den buntesten Farben ein – das Ergebnis ist nicht wichtig, aber der Versuch ist alles.

Moin

IMG_4974Alles auf Anfang. Alles auf Null. Fuck you Vergangenheit, Gruß an die Zukunft. Aber viel wichtiger: Hallo JETZT und HIER, da wo das echte Leben ist. Ungeträumt und rau.
Ich bin nicht unbedingt unglücklich und ich bin dankbar für alles was ich habe. Trotzdem habe ich in letzter Zeit auch nicht viel dafür getan dort anzukommen wo ich sein will.
Dreams don’t work unless you do. Dabei ist das Tun doch das Schönste: der Weg zum Ziel und was man auf ihm findet und mitnimmt.

Ich will diesen Weg hier festhalten und eine Art “komma-klar-and-get-your-stuff-straight”-Projekt dokumentieren. Ich habe mir Zeit freigeschaufelt und gebe mir ein Jahr: Für mehr Ordnung im Kopf, zur Entwirrung der ganzen verknoteten emotionalen Fäden in der Brust, dessen Herkunft ich teilweise selber nicht mehr kenne. Und für mehr Tun, mehr Leben, weniger Denken und mehr Umsetzen.

Braucht die Welt noch einen Blog? Nö. Mache ich das für die Welt? Nö.

Hier soll es auch nicht nur um “Nachdenklichkeiten” gehen. Ich will alles festhalten, was ich eben nicht vergessen möchte. Das können auch Rezepte, DIYs oder andere Banalitäten sein, an denen ich Freude habe. Im Moment wehre ich mich zwar noch vehement gegen das Wort “Lifestyle”, weil es für mich einfach mit zu vielem Scheißegelaber besetzt ist. Aber vermutlich wird es genau das – Lebensstil-Zeugs mit ein bisschen Gedankengestruller dazwischen.

Abgesehen von der Funktion als virtuelles Gedächtnis und Tagebuch, hat mich dieses kleine, unscheinbare Zitat motiviert das Projekt Blog endlich mal in Angriff zu nehmen:

your-vibe-attracts-your-tribe-header-images

Bildquelle: Bungalows and Olives

“Your vibe attracts your tribe.”

Eine Sache mag ich am Internet (ihr wisst schon, dieses Neuland-Dings) besonders: Selbst Menschen mit den verrücktesten Interessen, die sich im realen Leben vermutlich nie begegnet wären, finden sich hier um sich auszutauschen. Sollte dieser Blog jemals Leser bekommen, werden die mir in manchen Dingen vermutlich ähneln, sich zumindest dafür interessieren oder gar an bestimmten Themen reiben. In jedem Fall sorgt diese Verbindung aber für Austausch und neuen Input. Und allein dafür ist es das Ganze schon wert.